ellebil's avatar
ellebil @ellebil.bsky.social
Tag 2 nach der Wahl. Berlin ist nicht wiederzuerkennen. Über Dahlem liegt das dumpfe Schluchzen der Eigentümer. Im Westen stauen sich SUVs mit hastig verladenem kulturellem Kapital. Erste Augenzeugen berichten von bezahlbarem Wohnraum. Wie konnte man es nur so weit kommen lassen? Ein Lagebericht.
Loading more...
In Charlottenburg wurde ein Mann mit zwölf Mietshäusern aufgefordert, sich einen Beruf zu suchen. Er sitzt seitdem im Treppenhaus und wiederholt, dass sein Großvater doch bereits gearbeitet habe.
Im Willy-Brandt-Haus herrscht Entsetzen. Die neue Führung will sozialdemokratische Forderungen umsetzen. Mehrere Funktionäre erklären, derart unvorbereitet könne man diese Dinge nicht einfach ernst meinen.
Bundespolizist Ostermann meldet die Bildung verdächtiger Menschengruppen an mehreren Haltestellen. Nach ersten Erkenntnissen warten sie auf einen Bus. Dass dieser tatsächlich kommt, deutet auf eine zentral gesteuerte Aktion hin.
Am Roseneck wurde ein SUV als Mannschaftswagen beschlagnahmt. Der Besitzer erklärt verzweifelt, dass da noch nie mehr als ein Mensch drin gesessen habe.
Vor einem Neubau in Mitte stehen die ehemaligen Eigentümer und zeigen auf ihre ehemaligen Balkone. Ein vorbeikommender Mieter sagt, sie sollen sich halt etwas außerhalb suchen. Einer muss gestützt werden.
In Mitte wurde ein Concept Store in einen Laden umgewandelt. Es gibt Gegenstände, Preise und eine Mitarbeiterin, die sagen kann, wozu die Gegenstände dienen. Die Szene spricht von kultureller Verwüstung.
Die Luftbrücke nach Dahlem ist angelaufen. Aus Kleinflugzeugen werden die aktuelle Ausgabe der FAZ, Parmesan und Visitenkarten von Fachanwälten für Immobilienrecht abgeworfen. Am Boden bilden sich würdelose Szenen.
Eine Hausverwaltung wurde zur Herausgabe ihrer Telefonnummer gezwungen. Seitdem klingelt es ununterbrochen. Die Mitarbeiter kauern unter den Schreibtischen. So direkt hat der Klassenkampf noch nie jemanden getroffen.
Ulf Poschardt fährt mit offenem Fenster durch das linkswoke Berlin und ruft „FREIHEIT!“. Ein Busfahrer ruft „RECHTS IST FREI!“. Für einen kurzen Moment schöpft er Hoffnung.
Kurz darauf erreicht sein Porsche die Stadtgrenze. Niemand hält Ulf auf. Er fährt zurück. So ganz ohne Verfolgung lässt sich das Exil schwer erzählen.
In Mitte ist derweil eine Wohnung ohne Bewerbungsmappe vergeben worden. Ein Paar fragt sich fassungslos, wozu es überhaupt gemeinsam bouldern gelernt habe.
Im Wedding wird ein Paket direkt in die Wohnung geliefert. Der Empfänger fragt den Boten, ob er nicht wenigstens kurz so tun könne, als sei niemand da. Die Veränderungen gehen ihm zu schnell.
In Friedrichshain kostet ein möbliertes Zimmer jetzt genauso viel wie ein unmöbliertes. Ein Investor versucht verzweifelt, einem sowjetischen Offizier den monatlichen Wert einer einzelnen IKEA-Gabel zu erklären.
Kai Wegner hat sich in einer Tennishalle verschanzt. Die Kommandantur stellt den Strom ab. Er erklärt die Maßnahme zum Angriff auf die kritische Infrastruktur.
Eine Wilmersdorfer Eigentümergemeinschaft versteckt ihr Protokollbuch im Kohlenkeller. Niemand soll erfahren, dass der Fahrradständer schon 2011 möglich gewesen wäre.
Im Soho House verteilt ein Mann verzweifelt Mitgliedskarten an die neuen Machthaber. Diese benutzen sie, um einen wackelnden Kantinentisch zu stabilisieren.
Friedrich Merz bittet Merkel telefonisch darum, die bürgerliche Gegenwehr anzuführen. Sie sagt, sie sei gerade nicht in Berlin. Im Hintergrund ist die Ansage „Nächster Halt: Friedrichstraße“ zu hören.
Die neuesten Flugblätter des Widerstands treffen ein. Ein offener Brief von Uwe Steimle und einem Lyriker, dessen Wikipedia-Artikel zur Löschung vorgeschlagen wurde. Auf den folgenden zwölf Seiten erklärt eine Kölner Kanzlei, wer hierzu was nicht sagen darf.
Manuel Ostermann zeichnet im Auto seine letzte Warnung vor dem Kontrollverlust auf. Die Aufnahme muss wiederholt werden, weil draußen eine völlig entspannte Familie durchs Bild läuft.
Im KaDeWe wurde die Feinkostetage zur Versorgung der Bevölkerung geöffnet. Ein Stammkunde fragt, ob der Klassenkampf unbedingt an seiner Austernbar ausgetragen werden müsse. Er habe dafür eigentlich immer Neukölln vorgesehen.
Im Mauerpark fehlt jede Polizeipräsenz. Oskar-Osmose, Ylvi-Yogamatte, Nike-Nussmus und Hedi-Habermas kommen trotzdem unversehrt vom Spielplatz zurück. Ihre Eltern bitten sie, vorerst nicht öffentlich darüber zu sprechen und löschen ihre Social-Media-Profile.
Auf dem Kollwitzplatz werden die ersten Carepakete aus Baden-Württemberg geöffnet. Sie enthalten nicht vegane Maultaschen, mehrere Kehrbleche, absurde Mengen Bargeld und die dringende Bitte, endlich heimzukommen und etwas Vernünftiges zu machen.
Die Berliner Exilregierung hat sich im Frühstücksraum eines Potsdamer Golfhotels konstituiert. Das Hotel bittet um Vorkasse.
„Ihr Gäste dieses Hauses, schaut auf diesen Tisch!“ Wegner erhebt sich im Frühstücksraum. „Ihr dürft uns nicht preisgeben!“ Eine Kellnerin erklärt, sie brauche nur die Zimmernummer.
„Lasst uns nicht allein!“ ruft die Exilregierung vom Hotelbalkon. Unten hebt ein Reiseleiter seinen Schirm. Das Kabinett schließt sich einer Busgruppe nach Wernigerode an.
ZEIT-Redaktionskonferenz in Hamburg; Lau will den letzten CDU-Bürgermeister begleiten, Bittner die Exilregierung, Mangold einen heimatlosen Kunstsammler. Weisbrod bleibt in Hamburg und beschreibt, wie sich Berlin jetzt anfühlt. Damit sind sämtliche Perspektiven abgedeckt.
Zur gleichen Zeit wenige Meter weiter in der Spiegelredaktion: Es liegen geheime Pläne der neuen Berliner Führung vor. Vorgesehen sind neue Wohnungen, Schulen und Busse. Auf dem vorläufigen Titel steht: „DIE LISTE – Was sie uns noch alles zumuten wollen“.
Der stern veröffentlicht diese Woche das geheime Exiltagebuch von Dr. Franziska Giffey. Was niemandem auffällt: Mehrere Passagen stammen wortgleich aus dem Prospekt des Potsdamer Golfhotels.
Auf der Pioneer One kursiert das Gerücht, Hamburg gewähre wirtschaftsliberalen Publizisten Asyl. Man nimmt Kurs nach Westen. Ein Redakteur fragt, ob man dafür nicht eine Karte brauche. Steingart verweist auf seinen inneren Kompass.
Vor Merkels Wohnung wartet zeitgleich eine Delegation verzweifelter CDU-Männer. Sie reicht ihnen ihre Memoiren durch die Tür. Als einer fragt, welche Seite, fällt die Tür in Zeitlupe zu. Dann wird ein Textmarker unter der Schwelle durchgeschoben.
Tag 4: Das öffentliche Leben ist nahezu vollständig zusammengebrochen. Die Bevölkerung kauft ein, holt Kinder ab und macht Pläne fürs Wochenende. In den Redaktionen wächst die Sorge, dass Berlin die historische Tragweite seiner Zufriedenheit nicht begreift. Der Wiederaufbau dürfte Jahrzehnte dauern.
Seit vier Tagen beobachtet Bundespolizist Ostermann, wie sich Menschen vor einem Automaten aufstellen und gegen Vorlage einer Karte Bargeld erhalten. Fast alle kennen den erforderlichen Zahlencode. Die Finanzierung der Szene scheint gesichert.
Entlang der Stargarder Straße wird die Grenze zwischen den Sektoren Checkpoint Oatly und Armedangels markiert. Ein Cafébesitzer soll sich entscheiden, ob er hauptsächlich Getränke oder ein Lebensgefühl verkauft.
An der Eberswalder Straße verläuft jetzt die Grenze zwischen Armedangels und der Volksrepublik Alnatura. Am Übergang werden die Etiketten kontrolliert. Ein Mann im C&A-Pullover wird von beiden Seiten für einen Agent Provocateur gehalten.
In Mitte hat ein Café seine Steckdosen abgedeckt. Binnen zwanzig Minuten hat der Bezirk vier Beratungsunternehmen, zwei Magazine und eine Agentur für gesellschaftlichen Wandel verloren.
Ulf Poschardt schreibt in seinem anonymen Widerstandsblog, die Stadt habe ihre Seele verloren. Er war zweimal im Grill Royal essen und wurde beide Male gefragt, auf welchen Namen reserviert sei.
Die Exilregierung hat vier Tage lang um internationale Anerkennung gerungen. Das Golfhotel führt sie weiterhin als „Gruppe Wegner, Selbstzahler“. Ihre Vier-Tage-Bilanz umfasst 38 Seiten. 12 zur Sitzordnung, 10 zum Dienstwagenanspruch, 15 zur Schuld der Grünen. Die letzte Seite ist Verschlusssache.
Außerdem soll im Potsdamer Golfhotel eine Konferenz über das künftige Berlin stattfinden. Das historische Vorbild sieht weitreichende Beschlüsse der Siegermächte vor. Im Einladungsentwurf heißt es deswegen vorsichtshalber „Bundesländer mit noch vorhandenem Dienstsitz“.
Die Exilregierung will außerdem mit den 15 anderen Bundesländern Macht und Verantwortung verteilen. Für die Macht gibt es bereits eine Liste. Für die Verantwortung wird bereits jetzt eine Vertagung und eine zweite Arbeitsgruppe vorgeschlagen.
Die Forderung nach einem Bundeswehreinsatz in Berlin erreicht versehentlich Armin Laschet statt Boris Pistorius. Sie enthält keinerlei Angaben zu Truppenstärke oder Einsatzdauer, aber eine vollständige Liste der Senatoren, die anschließend wieder eingesetzt werden möchten.
„Reicht nicht eine alte Folge Anne Will mit Bosbach?“, tippt Laschet auf dem E-Scooter. Am Checkpoint Oatly ist Schluss. Die Kommandantur hat E-Scooter verboten: Wer einen Roller mitten auf dem Gehweg abstellt, hat bereits eigenmächtig eine Bodenreform durchgeführt.
Aus Dubai erreichen Berlin Solidaritätsreels deutscher Steuerflüchtlinge mit Ringlicht. Man werde niemals in einem Land leben, das einem vorschreibt, was man sagen dürfe. Der zweite Teil des Statements wartet noch auf Freigabe.
Die Vereinten Nationen zeigen sich währenddessen besorgt über die Lage in Dahlem. Eine Beobachtermission soll prüfen, ob „Wir müssen jetzt alles selber machen“ bereits als humanitäre Notlage anerkannt werden kann.
Die ZEIT erscheint heute mit 18 Seiten Berlin-Dossier: „Dürfen die das?“ Mariam Lau begleitet den letzten CDU-Bürgermeister ins Exil. „Er hat Fehler gemacht, sicher. Aber wer ihm zuhört, begegnet jemandem, der bereit gewesen wäre, Verantwortung zu übernehmen. Wenn man ihn nur weitergelassen hätte.“
„Die Freiheit trägt jetzt Hotelpantoffeln“, beginnt Bittners Reportage aus der Exilregierung. Mangold besucht einen Kunstsammler: „Natürlich könne man ihm die Wohnung nehmen. Aber auch die Fähigkeit, in ihr einen Morandi zu sehen?“ Eine ganze Seite zeigt seine Hände.
Weisbrod fragt: „Ist bezahlbares Wohnen das neue Spießertum?“ Im Pro & Contra streiten zwei Eigentümer darüber, wie viel Verständnis Mieter verdienen. Im ZEITmagazin: „Wir haben trotzdem gekauft.“ Ein Paar über den Mut zur dritten Wohnung in unsicheren Zeiten.
Auf dem Zehlendorfer Wochenmarkt erklärt eine Rentnerin, sie komme jetzt besser mit ihrem Geld aus. Jörg Thadeusz steht neben ihr und fragt nach den Schattenseiten. Sie nennt ihm einen Standplatz, an dem es nachmittags kühler sei.
NIUS ist bereits seit Montag abgeschaltet. Der neue Fünfjahresplan erlaubt eine Meldung über den Untergang Deutschlands nur einmal pro Quartal. Die Redaktion hatte ihr Kontingent bis 2041 bereits am Montagmorgen verbraucht.
Seitdem NIUS abgeschaltet ist, kommentiert Julian Reichelt ungefragt die Bilder in einem Elektronikfachmarkt. Aktuell läuft auf 24 Fernsehern eine Dokumentation über ein Korallenriff. Reichelt fragt laut, wie viel von dieser bunten Vielfalt der Steuerzahler finanziert habe. Kasse 4 wird geöffnet.
Juli Zeh hat in Barnewitz derweil der gesamten Debattenkultur Asyl angeboten und sie in ihrem Haus aufgenommen. Die Debattenkultur sitzt seit Sonntag mit verschränkten Armen in ihrer Küche und findet, dass der Kaffee anderswo besser gewesen sei.
Heute morgen hat Zeh auch noch Ulf Poschardt aufgenommen. Er wollte dann doch unbedingt dorthin, wo die Menschen noch frei seien. Nach zwanzig Minuten fragte er, wer hier für den Mobilfunkempfang verantwortlich gemacht werden könne.
Ein Fernsehteam sucht seit dem Morgen nach sichtbaren Folgen des Umsturzes. Schließlich filmt es einen umgekippten Kühlschrank den die BSR beim letzten Sperrmüll nicht mitgenommen hat.
Seit vier Tagen gibt es keine Notbetreuung mehr in Berliner Kitas. Erste Mütter haben freie Kapazitäten im Kopf und beginnen sich zu erinnern, auf wen sie eigentlich seit Jahren sauer sind.
Katherina Reiche hat Berlin zum gefährdeten Standort erklärt. Die Bewohner werden seitens der Bundesregierung gebeten, sich nicht länger eigenmächtig wohlzufühlen. Ein Investor könne das sehen und falsche Schlüsse ziehen.
Nach Reiches Warnung wird in Berlin nach abgeschrecktem Kapital gesucht. Im Grunewald findet man nach langer Suche einen Mann hinter einer Hecke. Er droht, er komme erst heraus, wenn seine Kinder das Grundstück steuerfrei übernehmen dürfen.
Reiche hat überdies erklärt, Jammern sei Deutschlands unerschöpfliche Ressource. Die Kommandantur schließt daraufhin das Potsdamer Golfhotel an das Berliner Fernwärmenetz an. Die Exilregierung versorgt damit inzwischen drei Stadtteile.
Nach der Tagesschau sendet die ARD gleich den Brennpunkt „Berlin kippt – Wie viel Mehrheit verträgt die Demokratie?“
Der Brennpunkt rekonstruiert, wie es so weit kommen konnte. Menschen gingen wählen, Stimmen wurden gezählt, anschließend wurde das Ergebnis verkündet. An mehreren Stellen hätte die Katastrophe verhindert werden können, aber niemand schritt ein. Wer hier wann und wo versagte, wird wohl nie geklärt.
Ein mittelprächtiger angeblicher Verfassungsrechtler, den die Redaktion vor dem Reichstag aufgegriffen hat, erklärt, dass Wahlen gelegentlich einen Regierungswechsel zur Folge haben. Die Moderatorin fragt, ob es dafür wirklich keine Notfallregelung gebe und was der Bundespräsident tun könnte.
Bei einer Liveschalte ins Potsdamer Golfhotel fordert der Sprecher der Exilregierung, Claus Strunz, Respekt vor den demokratischen Institutionen. Hinter ihr entfernt ein Hotelmitarbeiter das Schild „Senatskanzlei“ vom Kopierraum.
Dann folgt ein kurzer Bericht über den Berliner Stillstand. Ganze Straßenzüge werden seit Tagen von denselben Menschen bewohnt. Es gibt kaum noch Bewegung im Markt.
Ein Makler zeigt die Wohnung einer Familie, die nicht ausziehen muss. „Hier wäre so viel möglich gewesen.“ Das Kind fragt, ob er jetzt bitte aus seinem Zimmer gehen könne.
Ein Investor bestätigt seine schlimmsten Befürchtungen: Er habe Geld in Berlin anlegen wollen und müsse es nun woanders tun. Die ARD begleitet ihn auf diesem schweren Weg bis zum nächsten Browserfenster.
„Vier Tage nach der Wahl haben die Berliner noch immer nicht begriffen, wie schlecht es ihnen jetzt geht. Wir bleiben für Sie vor Ort. Die angekündigte Dokumentation ‚Wem gehört die Stadt?‘ entfällt zugunsten eines Gesprächs mit den drei Menschen, denen sie gehörte.“
Tag 5: Die UN-Beobachtermission ist am BER gelandet. Nach vierzig Minuten im stehenden Flugzeug fragt die Einsatzleiterin, ob die Infrastruktur beim Umsturz zerstört worden sei. Der Pilot verneint. Man habe sogar eine Außenposition mit Aussicht auf eine fehlende Treppe bekommen.
Neben der Einsatzleitung sind George Clooney und Taylor Swift für die internationale Aufmerksamkeit mit angereist. Eine Hauswirtschaftslehrerin aus Wuppertal soll klären, ob tatsächlich niemand mehr weiß, wie das Bügeleisen angeht.
Vor der ersten Dahlemer Villa werden Clooney und Swift herzlichst empfangen. Für ihn sei alles vorbereitet. Die Hauswirtschaftslehrerin wird gebeten, den Seiteneingang zu benutzen.
Am Einsatzort wird die Delegation zum Geschirrspüler geführt. Seit Montag habe ihn niemand ausgeräumt. Die Hauswirtschaftslehrerin öffnet ihn. Der Hausbesitzer bittet, vor Veränderungen bitte zunächst den Zustand zu dokumentieren.
Die Einsatzleiterin fragt, ob jemand verletzt sei. Die Hausherrin berichtet, ihr Mann habe gestern ein Spannbettlaken zusammenlegen müssen. Er stehe für Gespräche dazu noch nicht zur Verfügung.
Die Mission stuft Dahlem als bewohnbar ein. Im Abschlussbericht steht: „Die Betroffenen könnten ihre Lage aus eigener Kraft verbessern.“ Die Anwohner sprechen von der grausamsten Forderung seit Beginn der Krise.
Die Exilregierung lädt im Golfhotel zu einer PK um politischer Geschlossenheit zu demonstrieren. Wegner und Giffey sitzen vor einer Deutschlandkarte, die das Hotel sonst für seinen Außendienst benutzt. Strunz hat Berlin mit einem Klebepunkt markiert. Giffey versetzt ihn wortlos um drei Zentimeter.
Wegner erklärt, er habe die Rückeroberung Berlins zur Chefsache gemacht. Giffey fragt, weshalb sein einziger Beitrag zur Einsatzplanung dann „Parkplätze vorhanden?“ laute. Er verlangt darauf Respekt vor seinem Amt. Sie dreht sein selbst gebasteltes Namensschild um. Wegner verlässt weinend den Raum.
Giffey blickt zur Tür. „Gestern habe ich ihm erklärt, dass ‚Regierender‘ kein akademischer Grad ist. Da musste er auch kurz raus.“ Strunz: „Herr Wegner nimmt sich regelmäßig Zeit, neue Informationen zu verarbeiten.“
Wegner erscheint wieder in der Tür: „Wenn wir wirklich Koalitionspartner wären, dann würdest du so’n Scheiß überhaupt nicht machen! Du machst alles kaputt!“ Giffey: „Jetzt kommen wieder die Tränen auf Knopfdruck. Das kennen wir schon.“ Seine Smartwatch meldet: „Du wirkst gestresst.“
Strunz erklärt, die Regierung werde jetzt geschlossen den Raum verlassen. Giffey bleibt sitzen, Wegner kommt zurück, weil sein Ladekabel noch steckt. Der Hotelangestellte fragt, wer die angebrochene Flasche Wasser zahle.
In Barnewitz frühstücken Juli Zeh und Ulf Poschardt Eier vom Nachbarn. Zeh erklärt ausführlich, warum man trotz seiner politischen Ansichten bei ihm einkaufen könne. Poschardt fragt, ob die Eier wenigstens nicht bio seien. Der Nachbar hat sie den beiden nur verkauft, weil sie wegmussten.
Angesichts der Lage in Berlin ergeht von Seiten des Kabinetts ein Prüfauftrag an Raumfahrtministerin Dorothee Bär, ob Regierung und Bundestag nach Bonn umziehen können. Das Kanzleramt habe bewusst jemanden gewählt, der auch schwer erreichbare Orte nicht voreilig aufgebe.
Nach Sichtung der Nordbrückensperrung und der Stadtbahnausfälle erklärt Bär die Anreise zum Forschungsauftrag. Eine bemannte Mission nach Bad Godesberg müsse möglich sein. Zunächst werde man aber einen Staatssekretär vorschicken.
Aufgrund der Papierlage empfiehlt Bär das Bonner Regierungsviertel als dauerhafte Basis. Die Atmosphäre sei verträglich, Wasser vorhanden, Spuren früherer Regierungsaktivität eindeutig nachweisbar. Beim Kontakt mit Einheimischen solle man aber nicht erwähnen, dass man Bonn gerade erst entdeckt habe.
Nachdem die Pläne versehentlich in einer Signalgruppe durch Julia Klöckner publik gemacht worden sind, sieht sich die Exilregierung in Potsdam zu einem Statement genötigt. Exilregierungssprecher Strunz tritt auf den Balkon des Golfhotels.
Strunz: „bin ich heute zu Ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass mit dem Umzug des Bundes nach Bonn ein erheblicher Bedarf an Hauptstadtverwaltung entstünde. Wir bieten eine vollständig abgewählte Berliner Landesregierung mit sofortiger Verfügbarkeit. Die Stadt müsste sich lediglich umbenennen.“
In Berlin entdeckt Bundespolizist Ostermann in der Zwischenzeit am Kottbusser Tor einen Späti mit der Aufschrift „24/7“. Er vermutet einen verschlüsselten Einsatzbefehl. Der Besitzer sagt, er sei immer da. Ostermann notiert: „Vollzeitextremist.“
Nach der scharfen Depesche des Innenministers aus Baden-Württemberg genehmigt die Kommandantur die Ausreise Berliner Polizisten. Im Gegenzug soll Stuttgart sämtliche nach Prenzlauer Berg entsandten Unternehmensberater zurücknehmen. Die Verhandlungen brechen sofort zusammen.
Die ersten bereits ausgereisten Polizisten melden aus Baden-Württemberg massive Familienstrukturen mit erheblichem wirtschaftlichem Einfluss. Die Namen stehen auf Fabrikhallen. Das Innenministerium bittet dringend, den Unterschied zwischen Clans und Familienunternehmen zu verinnerlichen.
Robin Alexander fängt Angela Merkel vor dem Supermarkt ab. Ob sie sich angesichts der Berliner Zustände an die DDR erinnert fühle? Sie überlegt kurz. „Es gibt wieder eine CDU, die auf Weisungen von außerhalb wartet.“ Dann geht sie einkaufen.
Tag 6: Der Ausnahmezustand greift auf das Wochenende über. Eltern sitzen auf Spielplätzen und unterhalten sich über andere Dinge als Betreuungsausfälle. Mehrere Freundschaften müssen auf eine völlig neue Grundlage gestellt werden.
Ein Berliner Vater mit markanter Frisur warnt unterdessen, seine Enteignung sende ein fatales Signal an alle, die dieses Land intellektuell zusammenhielten. Die Sachbearbeiterin fragt weiter nach der Quadratmeterzahl. Er bietet an, es noch einmal grundsätzlicher zu erklären.
Der Podcast „Proletarier aller Länder, slay! – Der Theorie-Talk mit Enteignungs-Energy“ ist gestartet. Tilo: „Berlin ist zerstört. Ist ein Haus kaputt?“ Wolfgang: „Nein. Eine Ertragserwartung.“ Tilo: „Kann man die reparieren?“ Wolfgang: „Das versucht gerade die gesamte deutsche Publizistik.“
Tilo: „Eine Pflegerin hat jetzt mehr Geld.“ Wolfgang: „Darin zeigt sich eine fundamentale Verschiebung der Kapitalakkumulation…“ Tilo: „Sie zahlt weniger Miete.“ Wolfgang: „Wir müssen aufpassen, dass der Podcast nicht zu kurz wird.“ Tilo: „Wir sind bei zwei Stunden elf.“
Tilo: „Poschardt sieht seine Freiheit bedroht.“ Wolfgang: „Er darf schreiben, reden und Porsche fahren. Es fehlt nur die verbindliche Anerkennung, dass das beeindruckend ist.“ Tilo: „Muss ich sein Auto gut finden?“ Wolfgang: „Das ist die offene Verfassungsfrage.“
Tilo: „Woran erkennen wir, dass die Revolution gescheitert ist?“ Wolfgang: „Wenn wieder zwei Männer mit Mikrofonen den Menschen erklären müssen, wie es ihnen eigentlich geht.“
Nach sechs Tagen hat Diana zur Löwen endlich einen einen enormen Wachstumsmarkt entdeckt: Menschen wollen wohnen. Die Wohnungen sind sogar schon da. Es fehlt aber noch eine App, die sich finanziell zwischen beides stellt.
Die Bayernpartei veröffentlicht erste Bilder aus dem zerstörten Berlin. Die Kommandantur bedankt sich: Den bezahlbaren Altbau direkt neben dem Reichstag habe man bisher übersehen. Die Wohnungsvergabe beginnt Montag.
Auch im Potsdamer Golfhotel werden die Aufklärungsbilder der Bayernpartei ausgewertet. Kai Wegner zeigt auf die Ruinen: „Da war mein Büro!“ Giffey weist darauf hin, dass das Gebäude frei erfunden ist. Wegner besteht darauf, dort sehr viel gearbeitet zu haben.
Bundespolizist Ostermann entdeckt vor einem Kreuzberger Haus eine Kiste „Zu verschenken“. Er nimmt sie als Beweismittel mit. Mittlerweile besitzt er sieben Tassen, einen Router und den vierten Band der Marx-Engels-Werke. Die Radikalisierung schreitet unbemerkt voran.
In Prenzlauer Berg wird eine Selbsthilfegruppe für Menschen gegründet, deren Freunde möglicherweise ein Start-up woanders gründen. Beim ersten Treffen werden hundert Arbeitsplätze betrauert, die es noch nicht gab. Ein Kanban-Board liegt als Kondolenzbuch aus.
Ihr habt sechs Tage Revolution hinter euch und wollt einfach mal den Kopf ausschalten? Beim Rave am Checkpoint Oatly wird heute ein letztes Mal privates Vermögen durchgebracht.
Hinterm DJ-Pult steht ein ehemalige Hausverwalter. Er kann keine Übergänge, hat aber überraschend schnell verstanden, für wen er jetzt arbeitet. Bis 23 Uhr Eintritt frei, danach auch.
Im Berghain steigt heute die erste volkseigene Klubnacht. An der Tür solltet ihr drei Gewerkschaften nennen. Ein Mann aus Mitte ist gestern schon mit „LinkedIn, Soho House, Miles & More“ gescheitert. Wir empfehlen, solidarisch und nicht zu sehr nach Gründer auszusehen.
Eine Woche nach der Berliner Schicksalswahl: Spanische Touristen erreichen nach sieben Tagen im Berghain den Alexanderplatz. Die Weltzeituhr zeigt an, dass ihr Rückflug letzten Montag war. Die Kommandantur weist ihnen vorläufig eine Wohnung und eine Schicht im Kulturausschuss zu.
Eine Berliner Podcasterin hat erstmals mit einer Nachbarin gesprochen, die die neue Regierung gut findet. Sie möchte deren Perspektive nicht abwerten. Deshalb erklärt sie neunzig Minuten lang, aus welchen biografischen Defiziten diese entstanden sein könnte.
„Weil natürlich, zweihundert Euro, das ist für manche Menschen viel Geld. Das sehe ich total. Aber was macht das mit einer Stadt, wenn jeder erst mal nur schaut, was ihm persönlich hilft?“
„Und ich glaube, da liegt vielleicht auch so ein biografisches Ding. Wenn du nie erlebt hast, dass jemand in deinem Umfeld etwas aufbaut, dann siehst du vielleicht wirklich nur: Ich habe jetzt mehr Geld. Du siehst gar nicht den Menschen, der dieses Geld jetzt nicht mehr von dir bekommt.“
„Sie hat dann gesagt, sie könne ihren Kindern endlich Winterschuhe kaufen. Und da war für mich das Gespräch auch schwierig, weil: Wie soll ich denn da noch differenzieren, wenn sofort die Kinder kommen? Ich bin ja selbst Mutter.“
„Ich möchte ihre Perspektive wirklich nicht kleinmachen. Ich möchte nur verstehen, warum sie so klein ist.“
Für „Ein Sonntag ohne Inszenierung“ empfängt Juli Zeh in Barnewitz eine große deutsche Tageszeitung. Ulf wurde zum Bäcker geschickt. Die Einkaufsliste verlangt ein Sauerteigbrot, dessen Mehl von einem einheimischen Müller ohne Meinung zur Wärmepumpe stammt. Das sollte bis zum Nachmittag reichen.
Ulf kommt vorzeitig zurück. Er möchte seine Begegnung mit der Verkäuferin als Stimmungsbild der Republik anbieten. Juli schickt ihn wegen des Wechselgelds erneut los. Die Reporterin notiert, wie selbstverständlich sich hier Alltag und große gesellschaftliche Fragen berührten.
Beim Berlin-Marathon wurden heute die Kilometer vergesellschaftet. Ein Unternehmensberater muss bei Kilometer 35 sechs davon an eine Pflegekraft abgeben, die keine Zeit zum Trainieren hatte. Er spricht von Leistungsfeindlichkeit.
Am Alexanderplatz wird Bundespolizist Ostermann von einer Touristin gebeten, ein Foto zu machen. Er wertet dies als Versuch, staatliche Kräfte für die Propaganda der Kommandantur einzuspannen. Das Bild macht er trotzdem. Zur Beweissicherung behält er den Daumen im Motiv.
Um 22 Uhr beendet der Barkeeper die Happy Hour im Golfhotel in Potsdam. Wegner verlangt eine Übergangsfrist, Giffey zumindest Bestandsschutz für bereits bestellte Getränke.
Die Kommandantur zieht nach einer Woche Bilanz: Müllabfuhr, Nahverkehr und Kitas funktionieren. Die Bevölkerung wird gebeten, Ruhe zu bewahren. Man verstehe, dass eine derart abrupte Veränderung des Berliner Alltags Verunsicherung auslöse.
Für besonders betroffene Anwohner wurde eine Hotline eingerichtet. Dort kann man sich zwanzig Minuten lang in eine Warteschleife hängen lassen. Ein Mann aus Mitte weint vor Erleichterung, als sein Anliegen anschließend verloren geht.
Nach einer Woche konnte die Kommandantur auch die gesamte kritische Infrastruktur sichern. Wasserwerke, Stromnetz und Krankenhäuser arbeiten im Regelbetrieb. Nur die Versorgung wohlhabender Podcaster mit gesellschaftlicher Anerkennung bleibt angespannt.
Ein erster Hilfskonvoi mit zustimmendem Nicken wurde am Checkpoint Oatly aufgehalten. Die Empfänger bestehen darauf, dass die Zustimmung freiwillig komme. Gleichzeitig müsse aber gewährleistet sein, dass sie stattfinde.